Fr. Jan 21st, 2022

Da geht man mal wieder nach langer Fußball-Abstinenz in das Berliner Olympiastadion, um die Hertha siegen zu sehen – und dann sowas. Eigentlich wollte man sich auch gegen einen Gegner wie Hannover 96 neues Selbstvertrauen holen, denn Hannover 96 galt zuletzt auswärts auch nicht gerade als eine Macht. Zudem war auch nicht mit allzu viel Unterstützung der niedersächsischen Fans zu rechnen, da die Bahn am Freitagabend immer noch streikte und so einigen Tausend möglichen Mitreisenden die Anfahrt erschwert oder eben erst gar nicht ermöglicht. Freitagabend, Flutlichtspiel, Sky überträgt und im letzten Spiel vor der Länderspielpause ging es noch einmal darum, nach dem Pokal-Aus und der Niederlage in Paderborn ein positives Zeichen zu setzen – auch um vor der wichtigen Mitgliederversammlung ein ruhiges Umfeld zu gewährleisten.

Was dann aber die knapp 40.000 Zuschauer im weiten Berliner rund zu sehen bekamen, war im Grunde ein Offenbarungseid und viel mehr eine Fortsetzung des Negativ-Trends aus den letzten Spielen. Die vorher beschworenen wichtigen Zweikämpfe, die man extra noch trainieren wollte, waren hier kaum zu sehen und Hannover 96 hatte hier als Auswärtsteam die besseren Werte. Es war eigentlich im gesamten Verlauf des Spiels nicht die erwartete Bissigkeit zu sehen, die man vor den nächsten Heimspielen gegen Bayern und Dortmund hätte zeigen müssen, um sich auch in der Tabelle und der Gunst des Publikums weiter nach oben zu bewegen.

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Was man sah, war im Grunde Beamten-Fußball der aller schlechtesten Sorte und man war vielleicht am Ende froh, dass es nur 0:2 ausging. Zu mutlos nach vorne, kaum Bewegung und Flexibilität im Spiel und die Aktionen kamen in erster Linie von den Gästen. So darf man sich in einem Heimspiel nicht präsentieren, egal gegen wen das ist. So lädt man im Grunde die gegnerische Mannschaft ein, ihr Spiel weiter nach vorne zu verlagern und den ein oder anderen Pass Richtung Strafraum zu schlagen.

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Auch vermisst man einen Spieler, der solch ein Spiel an sich reißt und Verantwortung übernimmt – Thomas Kraft kann das in seiner Rolle als Torwart nur bedingt und das muss auch mehr von innen kommen, man darf nicht als Spieler darauf warten das erst die Zuschauer pfeifen müssen, man muss von Anfang an zeigen wer Herr im Hause ist und wer das Spiel mehr gewinnen will. Im Vergleich dazu sehe ich das letzte Heimspiel des Hamburger SV gegen Leverkusen: von den Zahlen vorher war Bayer 04 favorisiert, aber der HSV hat durch die aggressive Spielweise den Gästen den Schneid abgekauft und mit breiter Brust den Fans ein gutes Spiel präsentiert. So haben sie die Zuschauer gleich auf ihre Seite gezogen und waren sich der Unterstützung sicher. Sie hatten auch Gelegenheit mal zu jubeln, mal einen Spieler zu loben oder eine Offensiv-Aktion mit Beifall oder Rufen zu begleiten. Wenn aber viel zu wenig nach vorne hin passiert, dann klappt auch die Interaktion mit den Fans nicht und es entsteht gerade im Olympiastadion eine Atmosphäre der Angst und der Unsicherheit.

Viele Spieler trauen sich gar keine riskanten Pässe mehr, spielen sich den Ball hin und her oder wollen den Ball einfach nur loswerden, am besten wieder zurück Richtung Mittellinie wenn man eigentlich im Angriff ist. Es fehlt auch ein Spieler, der einen Schuss aufs Tor mal wagt, der gegen die Latte geht oder der eine neue Situation im Strafraum schafft. Nur so erhält man Freistöße, Standardsituation, Elfmeter oder Ecken. Dann wird das Stadion lauter weil die Fans spüren das die Mannschaft will. Alles das war im Spiel gegen Hannover 96 leider nicht erkennbar, man verwaltete ein 0:0 und wollte es scheinbar bis in die Halbzeit retten. Dann fängt man sich das Gegentor noch vor der Pause und das hätte doch gerade in der zweiten Halbzeit eine deutliche Reaktion zur Folge haben müssen.

Aber auch hier setzte sich das Geschehen aus der ersten Halbzeit fort, auch der Trainer war kaum sichtbar und verharrte auf der Bank. Er setzte keine Zeichen und blieb so im reinen Status der Beobachtung und nicht des Agieren. Manchmal ist auch die Körpersprache an der Seitenlinie ein Signal an und für die Mannschaft und wenn dort nichts zu sehen ist, dann denken vielleicht einige Teile der Mannschaft, dass alles in Ordnung ist.

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Sein Gegenüber aus Hannover war permanent stehend an der Seitenlinie zu sehen und gab immer wieder neue Anweisungen und suchte den Kontakt zu seinen Spielern, Veränderungen passieren immer wieder im Laufe eines langen Spiels und man muss darauf reagieren und sich darauf einstellen. Das reißt vielleicht auch einen Mannschaftskollegen mit und der rennt etwas mehr – aber die Zweikampfwerte sind ja seit langer Zeit schlecht, auch die Laufwerte von Hertha BSC bewegen sich innerhalb der Bundesliga im unteren Bereich und wenn man gegen ein Team wie Hannover 96 zu wenig läuft und zu wenig in die Zweikämpfe geht, dann kommt eben eine Niederlage zu Hause heraus. So muss man sich auf der Versammlung mit seinen Mitgliedern auch mit der sportlichen Perspektive von Hertha BSC beschäftigen.

Man kann also nur hoffen, dass sich in der Länderspielpause etwas tut gerade in den Köpfen der Spieler, die ja unbedingt auch aus finanziellen Gründen in der Bundesliga bleiben wollen und nicht in die Gefahr des Abstiegs geraten wollen. Jetzt kommen Gegner wie Bayern München oder Borussia Dortmund – dazwischen muss man nach Gladbach und davor nach Köln. Ist die Ausbeute bei den nächsten vier Spielen nur minimal, dann hat man sich in der Tabelle weiter nach unten bewegt und die Alarm-Lampen müssten eigentlich überall blinken. Kurz vor Weihnachten kommt noch das spielstarke Hoffenheim in das Berliner Olympiastadion und bis dahin sollte sich tabellarisch etwas verbessert haben.

Ansonsten steht Hertha BSC eine schwierige Winterpause und eine noch schwerere Rückrunde 2015 bevor. Vor allem die Spieler sind es, die mit ihrer Körpersprache auch den Fans zeigen müssen, dass die wollen und dass sie die Ostkurve bei Heimspielen sowie die mitgereisten Fans bei Auswärtsspielen mit ihrer Leistung begeistern wollen. Und auch, dass die ihr Geld wert sind, welches sie in Berlin verdienen und auch durch die Zuschauer finanziert bekommen. Es ist in erster Linie eine Frage der Einstellung und des Auftretens, ob man in der Bundesliga die Spiele gewinnen kann oder nicht. Wer viel läuft, viel arbeitet und miteinander kommuniziert, der wird auch Spiele gewinnen gegen höher platzierte Teams – das ist nicht immer eine Frage des Geldes oder einzelner Mannschaftsteile.

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In diesem Sinne sollte man sich die Forderungen aus der Kurve zu Herzen nehmen und kämpfen, kämpfen, kämpfen. Wenn eine Mannschaft aktiv am Spielgeschehen teilnimmt, dann wird das auch vom Publikum honoriert und die Ergebnisse kommen irgendwann automatisch. Wenn man aber Fußball verwalten will und viel zu wenig nach vorne Richtung gegnerisches Tor passiert, dann macht man die gegnerischen Spieler nur noch stärker und ermuntert sie zu eigenen Angriffen. Der Schlüssel wird also sein, die Offensive weiter zu stärken bzw. den vorhandenen Spielern eine klare Richtung vorzugeben, die es ihnen in einer größeren Flexibilität möglich macht, mehr und öfter auf das Tor zu schießen. Denn nur wer auf das Tor schießt oder das Tor als Ziel hat, kann es auch erreichen. Das schließt dann den Kreis und sorgt für Begeisterung auf den Rängen, die dann wieder zurückfließt auf die Mannschaft und für ein größeres Selbstbewusstsein sorgt.

Apropos: In Der Halbzeit gab es noch einige Spruchbänder, die ausgerollt wurden mit dem folgenden Text – wie auf den Fotos zu sehen ist vom Freitag, dem 7. November 2014:

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